Testing in Tokyo

Ok, Kinders, tief durchatmen. Ich bin ein mitte 30er Mann mit einem einigermaßen ausgeprägten Sozialleben und schwul. Da braucht man manchmal einen HIV Test. Wie Mutti immer sagte, sicher ist sicher.

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In Tokyo ist das aber so eine Sache. Test werden eher nicht von der Versicherung bezahlt (oder es wird einem dringenst davon abgeraten). Zur Referenz für die Ungetesteten: In Berlin kostet ein Test beim Hausarzt als Vollzahler (aus Privatsphäre Gründen ohne Versicherungsinformationsweitergabe) so 30 Euro. Kostenlose Tests bieten mehrere NGOs und Gruppen auch zu abendlichen arbeitnehmerfreundlichen Zeiten an. Denn wie alle wissen: Homosexuelle sind öfter als nicht Overachiever in Fast Moving Creative Industries, also know as Yuppies mit Tendenzen zu DINGS, und keine Hausfrauen mit langen Latte Lunches und Zeit für Tagübertests.

In Japan gibt es eine zentrale Webseite für HIV Test Ressourcen und Listen mit Testorten. Auf Englisch empfehlen sie einem dort nur einen einzigen Ort in ganz Tokyo für kostenlose Tests. Kurzes Wikipediaupdate. Tokyo ist eine Stadt mit 8 Millionen Einwohnern nur im Kern und 36 Millionen im Einzugsgebiet, die größte Stadt auf diesem Planeten, die liberalste in Asien und die mit wohl dem größten Schwulenviertel in der ganzen Region. Es gibt nur EIN Test-Zentrum für kostenlose Tests auf Englisch! Und das testet einen gerne so 4 mal im Monat aber nur gegen Nachmittag, 25 Leute max. Arbeitnehmer sind da nicht vorgesehen. Es gibt Nacht Tests. Und jetzt der Hammer. Zwei – mal – im – Jahr! Und maximal 50 Leute!

Es gibt natürlich andere Test Orte. Die kosten aber und findet man nur auf Japanisch. Ich war mal bei einem, ich habe vergessen genau wo. Es war sehr anonym. Jeder Patient wurde in kleinen Wartekabinen platziert und man durfte sich im Flur auch nicht begegnen. Alle trugen Atemschutzmasken, um das Gesicht zu verbergen. Das einzige Mal wo ich so eine Situation erlebt habe war im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen in Berlin als psychologisches Einschüchterungsmittel. Ich war schon sehr schockiert und fand es sehr gruselig. Ich war da für einen Routine Medizin-Check auf Basis faktenbasierter, klinisch getesteter, internationaler Forschung, den in meinem Alter eigentlich fast jeder mehrere male im Jahr machen sollte. Drama Drama. Der Test kostete 8000yen (65 Euro, gefühlt eher so 80 Euro).

Es gibt für gleiche Preise Selbsttests per Post und viele Stadtbezirke bieten auch nur meist so 2 mal Jährlich oder einmal monatlich zu unmöglichen Zeiten kostenlose Tests in völlig abgelegenen Orten an. Meinen Stadtteil Adachi-ku, ein eher Arbeiter- und manchmal auch Gangsterstadtteil, habe ich mental da schon abgeschrieben.

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Jetzt war ich gerade bei dem kostenlosen Test Zentrum von oben auf Englisch in Shinjuku. Es liegt in einer dubiosen Gegend gleich neben so leidenschaftlich grauenhaften Organisationen wie eine gewisse pseudowissenschaftliche Stromschocker Sekte mit S aus den USA. Also erstmal mega Ghetto-Feeling. Das Ding selber ist in einer Steuerbehörde, auch so ein Mysterium. Zur Erinnerung: HIV Tests sind ein medizinischer Test, der von Ärzten in einem Medizinischen Setting durchgeführt werden sollte. Why not a Hospital or Clinic? Warum die Steuerbehörde im Ghetto für das einzige große kostenlose Testzentrum in Tokyo?

Es war Resultate Tag und ich wurde abgelehnt. Keine Tests an dem Tag. nur Resultate, die auch nur persönlich mit einer Woche Wartezeit mitgeteilt werden – nicht per Post oder verschlüsselter Mail oder Message etc.. Nächstes mal wäre dann nur wieder abends im Juni (in 6 Monaten) oder nachmittags in einem Monat. Meine Gesundheit ist wohl so wichtig wie Plastikmüll – und ich bin Voll-Steuerzahler.

Japan hat 127 Millionen Einwohner. Bei einer Rate von 5% macht das mehr als 3 Millionen männliche Homosexuelle, die alle gerne solche Tests machen würden. Japan ist ein OECD Land, die dritt größte Wirtschaftsnation der Welt, mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt, den ältesten Leuten und den best ausgebildeten Ärzten, einer riesigen Medizintechnik- und Pharmaindustrie. Es gibt keine ausreichende Infrastruktur für HIV Tests.

Das Problem ist also nicht eines des medizinischen Fachwissens, der Ausbildung der Ärzte, der medizinischen Infrastruktur, der notwendige Technik oder der Finanzierung. Es ist ein Problem des Willens. Denn die Nation, aus der Ende des 19. Jahrhunderts das gesamte Medizinwissen mit samt Vokabular importiert wurde und die zufällig auch ein OECD Mitglied und halt eben viert größte Wirtschaftsnation auf dem Planeten ist mit einer eben so großen Medizintechnik- und Pharmaindustrie, bekommt es hin! Das, meine lieben Botnetze, Webcrawler und Internettrolle, ist Deutschland.

In zwei Jahren ist hier Olympiade. Jede menge junger, sexy Sportler aus aller Welt, viele junge aufgeschlossene Touristen und viele interessierte, offene Metropolbewohner. Na wer da keine leicht zugänglichen, und billigen STD Test Zentren en mass produziert, hat mal eben schnell mehrere Epidemien an der Hand, und nicht nur im eigenen Land. Berghain-Feeling. Völlig verantwortungslos.

Ich gehe morgen zu einer englischsprachigen Klinik mit speziellem Fokus auf STD Tests. Es kostet wohl so 4000yen (32 Euro), wie in Berlin. Ich muss aber die Mittagspause opfern. Außerdem wird wohl bald im jährlichen Gesundheitscheck für jeden ein HIV Test mit als optionaler (und hoffentlich kostenloser) Zusatztest kommen. Ich hatte das dieses Jahr noch nicht und sofort eine heiden Panik in meiner Klinik ausgelöst, als ich danach gefragt habe. Ein Freund von mit benutzt es wohl schon.

Vielleicht bin ich da naiv oder ein arroganter Multikulti-Yuppie mit überbeanspruchtem Reisepass, aber ich erwarte von einem OECD Land einen gewissen Standard in Zivilisation. Und leicht zugängliche, einfache, billige HIV/STD Tests sind einfach Teil dieser Industrieland Standard Services.

Übrigens, die Ehe für alle ist das jetzt auch. Weiter gehts: Zivilisation – Update, klick, download and play. 👬👭🦄

Berlin and back

Gerade aus dem antizyklischen Jetlag-Schlaf erwacht, berichte ich dem Internet heute von meinem Kurztrip nach Berlin (und Hamburg). Ich war dort wegen Resturlaub und Jobwechsel für nur eine kurze Woche, habe aber maßlos und zu jeder unpassenden Gelegenheit maximal viel Käse konsumiert. Ich hoffe so ein Reservefressen wird nach dem neuen EU-Japan Freihandelsabkommen ab nächstem Jahr endlich unnötig.

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Wie war es? Hamburg ist schick wie immer. Zwischen Blue Jeans Kaufleuten im Sakko und Retro-Flohmarkt Punkimitaten war wieder alles zu bestaunen. Die Stimmung ausgelassen liberal und trocken zynisch Norddeutsch lud ein zu vielen Aperol Spritz am Elbstrand oder in der Speicherstadt. Außerm auf dem Kiez ist Hamburg einfach mega angenehm, gut gemischt und realistisch modern. Spieß kam nur selten auf. Zum Leben kann ich es sehr empfehlen.

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Berlin dagegen war wie immer arrangiert schmuddelig und renoviert prächtig. Die Stadt hat selbst bei gutem Wetter immer was von Dauerurlaub und Menschenleere. Modisch fielen mir die vielen süßen Girls mit französischem Make-up, trendigen englischen Metallbrillen und modernen eckigen oder leicht blau-grün gefärbten Haarstilen aus Kalifornien auf. Dazu kamen oft super schicke japanisch oder Jil Sander designte Mäntel und eine positive Einstellung.

Die Männer dagegen sind in Berlin ja immer ein Thema von Debatte. Viel zu lange und viel zu gut eingefettete Waldscharatbärte trägt man wie der Immobilienmarker seine Rolex. Natürlich völlig unfunktional, außer Mann möchte seine Männlichkeit auch hinter iPhone Xs Max und Hafermilch-Cappocchino zum Ausdruck bringen oder hat ein Not-so-Instagramable Hals-Kinn Garnitur. Modischer T-Shirt-FitnessFirst Look mit Tattoo Option ist immer unfertig und gerade mal aus dem Bett geschafft. Ich petitioniere für mehr hanseatischer Designermode bei den Herren. Und vor allem weniger Sporty Black.

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Berghain ist immer noch ein Thema, außer dass sich jetzt das Ausland wirklich nicht mehr dafür interessiert. Ich war aber erstaunt, dass sich fast keine Läden, Kneipen oder Bars verändert hatten. Außer neue und noch teurere Yoga Studios gab es nix zu entdecken. Weil ich natürlich kein Japanisch essen wollte und einmal Vietnamesisch mir gereicht hat, stellte ich fest, dass moderne deutsche/mitteleuropäische Küche irgendwie schwer zu bekommen war. Aber die Kantine Chipperfield gab mir ein super Kassler und irgendwo in Kreuzberg hatte ich ein tolles Schnitzel.

Gute Bars kann Berlin. Spontane Funde um die Ecke in Neukölln, als auch bekannte stylische Schwulenbars in Mitte  (Saint Jeans und The Coven, geht hin auch mit Freundin), waren alle zu empfehlen, lässig und auch witzig zum Beobachten. Einen neuen Stil in Interieur oder Kneipen-form ließ sich aber nicht erkennen. Aus der Sicht des Dauerschleife-Fastforward Tokyo war das natürlich etwas enttäuschen und provinziell.

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Vor allem hatte Berlin überhaupt keine großen Importe oder Remixe von Trends oder Ideen aus dem Ausland oder irgendwelche neuen Einfälle nach Sperrmüll-Cafe oder Schwarz-zu-Techno. Remix und Wechsel ist in Tokyo Dauerzustand. Nur australischen Flat White (Cappuccino mit leicht anders) gab es jetzt auch in Mitte, aber irgendwie immer plus 50 Cent und anders als die Australier den machen mit mehr Espresso. Und zu meinem Trauma war der auch tragischerweise mit furchtbar latschiger Hafermilch nach der DDR Ersatzproduktetradition, wie lange liegengelassen und aufgewärmte Haselnuss, würgig.

Hinzu kam ich hatte leider auch Vegan. Es scheint die blinde Rechtschaffenheit hier weiter am Zuge und bleibt furchtbar. Wieder so ein Aufblitzen der nicht ausreichenden Ersatzprodukte der DDR. Scheint eine Psychose zu sein. Icecream anyone? Und bitte sprecht mich nicht auf den Prenzlauer Berg an, wie so oft herablassend schon diskutiert. Es ist so spießig, dass einem die Luft zum Atmen wegbleibt. Ich war schockiert. Diese unterschwellig intolerante Herz-Perzi Mentalität und „Ach-wieso?“ Geruchsneutralisierungspray Haltung ist einfach zum Kotzen – mehr sogar im Kontrast zum restlichen Berlin oder Hamburg.

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Im Gropius Bau lief gerade eine Ausstellung über einen Nazi Kunsthändler, „Bestandsaufnahme Gurlitt“. Dies war ja wegen der eher unrechtmäßigen Beschlagnahmung der Werke bei dessen Sohn in München vor ein paar Jahren ein mega Skandal gewesen und hatte zur Folge, dass sich die Bundesregierung jetzt im Kunstexport nationalistische Sonderrechte zum illiberalen Handelsstopp zugewiesen hat und alle ihre guten Dinger in die Schweiz ausgelagert haben. Eigentlich zynisch, weil die Ausstellung die staatlich organisierten Beschlagnahmungen, Enteignungen und Weiterverkäufe zur Devisengenerierung der Nazis kritisierte. Es wurden tolle Werke aus ganz Europa (und Edo-Japan) gezeigt. Die historischen Erläuterungen und die thematische Aufreihung waren fabelhaft. Ein Muss für dich als Geschichts-LK Add-on und jeden anderen Macbook-Intellektuellen mit koreanischer Designer-Hornbrille.

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Deutschland im Sommer ist halt einfach geiler als zu Weihnachten, sorry Glühwein. Und die Ein- und Ausreise über Helsinki war fantastisch. EU-Chippass und innerhalb von 2 Minuten bist du drin, oder draußen. Zack aufs Lesegerät, rein in die Kamerakammer und warten bis du völlig geblendet von der etwas trödeligen Maschine automatisch größenverstellbar Gesichtserkannt durchgelassen wirst. FaceID funktioniert dagegen in Hyperspeed und es macht zwar den Eindruck eines schlecht vertuschten Videocalls in ein Amazon-Turk Callcenter in Indien, aber hej, keine Schlange und gleich weiter.

Ihr könnt euch denken, was ich dann als erstes in Japan gegessen habe:

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Kommt nach Tokyo! Es gibt Sushi. 🍣 🗼🤓

Visiting Tokyo: das Wutbürger Regelbuch

Die besten Reisezeiten für Japan sind entweder im April zur Kirschblüte oder zum Herbstlaub im Obotber. So hatte ich dieses Jahr schon zwei mal Besucherschwemme. Dabei fallen mir immer wieder ein paar Dinge auf. Dinge über Europäer, die einem nur auffallen, wenn man nicht in Europa ist, wenn sie selber nicht in Europa sind. Dinge über Freunde, Bekannte, Unbekannte und neue Freunde.

Ich lebe jetzt hier fast zwei Jahre. Ich habe mich wieder volkommen an Tempura, Grüntee-Eis, Halloween-Fake-Jahreszeit, Clubs ohne Türsteher oder die Tokyo Metro Dämmerschlaf gewöhnt. Was also machen die Besucher anders? Ein kleiner Wutanfall zum Nachlesen.

Erstmal, und als aller wichtigstes, haben die Leute hier keine nur esotherisch nachgewiesenen Ess-Intoleranzen (Ja, ich meine dich ganz Berlin Mitte) und niemand spricht darüber was man nicht essen kann, sondern höchsten was man nicht essen möchte, aber eher was man unbedingt essen muss.

Laktoseintoleranz ist Nationalfähigkeit und die Milchprodukte sind dementsprechend immer bearbeitet, aber jedes Schulkind trinkt jeden Tag ein Glas Milch und die Käseindustrie wird trotz EU Freihandelsabkommen am langsamsten von allen Industrien dem Butterberg geöffnet.

Glutenintoleranz ist nur für harte Fälle ein Thema. Weizenmehl ist nur in den von schicken Hausfrauen vergötterten Klein-Backwaren nach Pariser Art, anteilig in Soba und Udon oder Panade von Tonkatsu und Tempura. Reis enthält kein Weizenmehl, kann aber Spuren von schmeckt-gut enthalten.

Glutamat…. Liebe Idioten des verschlafenen Chemie Grundkurses in der Mittelstufe: Glutamat, also der Geschmacksverstärker Umami der sogenannten Dunklen Seite der Macht, ist essenzieller Bestandteil unseres Geschmackswahrnehmungssystems. Er entsteht beim Braten, Einkochen, Dünsten oder sonst wie erhitzen von jedem Fleisch, Seegras, Pilzen anderem Gemüse und Fisch. Ja auch mit Biogemüse in deiner überzogen teuren Teflondesignerpfanne mit Space Tech. Und ja man kann es als Pulver kaufen. Es schmeckt super und Japaner essen es jeden Tag besonders gerne mit dem Namen Dashi. Und sie leben einfach länger als du oder die Ruhrpot Currywurst Fanboys und Hanseaten Döner Connoisseure. Case in point.

Weiter geht es mit den Vegetariern. Hier dazu eine kleiner empörender Artikel der Schweizer, um den Bluthochdruck aufrecht zu erhalten. Vegetarier und Veganer sind in Japan fast nur buddhistische Mönche. Historisch gesehen gab es mal eine Zeit, in der Fleischessen verboten war. Deshalb ist es jetzt ein art Bürgerrecht. So ist in fast allem Fleisch oder zumindest Fisch-Fond. Vergesst es einfach. Es ist da, auch wenn ihr es nicht seht, riecht oder schmeckt. Es gibt ein paar trendige Veganer Restaurants in Yuppie-Gegenden Tokyos, die bedienen aber eher die Trendsucht einiger gelangweilter Hausfrauen als die Touristenfluten und fallen in die Kategorie „Exotisches ausländisches Essen aus LA, was ich mal in einem Hollywood Film gesehen habe“ für Japaner. Niemand rennt dafür durch die halbe Stadt. Niemand!

Alles weitere Verweigern von Nahrung, dass mir so einige meiner Gäste unverschämterweise angetan haben ist schlicht weg eine Psychose. Reis, Soba, Grüner Tee, roher Fisch, koreanisches BBQ, Sake, kleine ganze Fische oder Muscheln in Schneckenform sind alle samt medizinisch gesund, für einen Großteil der Weltbevölkerung Grundnahrungsmittel, haben in Japan generell eine sehr hohe Verarbeitungsqualität und sind auf jeden Fall zu probieren bevor geurteilt wird. Get over it or get help!

Weiter: Die Tokyo Metro ist schnell. Tokyo ist einfach fucking large. Es dauert mindestens 30-60 Minuten von einen „Zentrumsstadtteil“ zum nächsten zu wechseln. Es gibt nicht ein Zentrum wie dieser Kreisstadt Einkaufsstraße mit H&M und Rossmann. Planung, Glaube an das Wissen der Locals (mich, euren Overlord) hilft, und Google Maps.

Mobiles Internet ist Pflicht! Daten SIM Karten gibt es für 20-40 Euro schon am Flughafen und müssen ohne Wiederspruch verwendet werden. Keine eurer Messanger Apps löscht eure Nummer, eure Kontakte oder eure Selbst bei tauschen der SIM. Alles andere ist für den Rest der Menschheit mit der zivilisatorischen Technik eines Smartphones zur Verfügung einfach eine überbürdende Zumutung. Niemand hat mehr Bock auf Anrufe von öffentlichen Telefonzellen aus zu warten oder verschollene Freundinnen aus dem Metro System zu extrahieren. Eure Internet- oder wahlweise Instagramsucht könnt ihr zuhause in der Klinik, mit eurem Vodafone-Verkäufer oder auf dieser einsamen Insel bei Indonesien kurieren – nicht in Tokyo, nicht mit mir und nicht wenn ihr andere Leute treffen wollt.

Kauft euch eine IC Metro Chipkarte für den Nahverkehr (Pasmo oder Suica). Es ist keine Nobelpreisträchtige Leistung für die Menschheit jeden mit dem Suchen nach kryptischen Einzeltickets in einer unbekannten Stadt mit unbekannter Sprache und unlesbarem Schriftsystem „for this authenic asian experience“ aufzuhalten. Charge, Touch, Biep and go, like a Harajuku-Girl.

Tracking-Backpacks plus Funktionsklamotten sind für Länder ohne Schnellzugsysteme, Onlinebuchungsseiten, Gehwege, Fahrstühle, Rolltreppen, Taxistände, kontrolliertem Faunabewuchs, ausgerotteten Fressfeinden und Zivilisation. Also nicht Japan. Bringt einfach einen Rollkoffer und eure Hermes Handtasche, denn die Deuter-Rucksack Weltentdeckernummer glaubt euch spätestens seit GPS und Uniqlo Life-Wear eh niemand mehr.

In Clubs (zumindest die Geilen) gibt es keinen Dresscode. Sowas ist für Spießer oder bescheuert exklusive Londoner Richkids. Nadelstreifennzug, Batik-Shirt oder Lederharness geht klar. Ja Berliner, es gibt Vielfalt auch nicht in Schwarz und Dominatrix.

Gutes Brunch ist rar. Vertraue dem Overlord (mir). Und ja: ansonsten gibt es immer Reis. Schockierend.

In Japan isst man manchmal Sushi, nicht immer, nicht nur zu Vollmond, nicht immer von Nackten, nicht immer als billiges Drehsushi. Halt nicht immer, aber sie tun es immer gerne. Es ist Pflicht mindestens ein Thunfischsushi vor Abreise zu essen. Das müsst ihr bei der Einreise eidesstattlich erklären und es wird bei der Ausreise akribisch kontrolliert. Vergehen wird mit Zwangspause im Hallo Kitty Land bestraft – dafür ist die Falltür am Schalter.

Klamotten sind geil, kaufen ist aber eigentlich für fast jeden, der nicht eine schlanke Japanerin ist, unmöglich. iPhones sind derbe viel billiger als in der EU. Android Telefone gibt es nur mit Bondage-Ewigkeitsvertrag. Sind eh scheiße.

Die meisten geilen Läden (die für euch benutzbar oder zugänglich wären) kennen die Locals (ich, der derbe geile Typ, in diesem Fall). Ihr werdet nicht zum mega sexy Superheld mit Follower High-Score Bonus, wenn ihr Wissen aus dem Lonely Planet (Besitz ist kätzerisches Höchstvergehen an der Coolheit), irgendeinem anderen Reiseführer (Monocle und DK sind mitbringbar), aus einer Google Blog Suche (Kreativitätsschubumkehr), von TimeOut Tokyo, aus Foursquare (no one uses this shit), von Listen deiner Freunde, die auch nur Touristen waren und das oben Geschriebene auch nur schon gemacht haben, abzitiert. Un-Cool. Trust the Force. Get the Flow and Tabelog.

Tokyo ist eine Megastadt – die Mega Stadt des Planeten. Es gibt Millionen Shops, Kneipen, Bars, Restaurants und Klohäuschen, die jeden Tag entstehen oder vergehen. Konfuzius war schon davon überzeugt, es müssen in Tokyo mehr Kneipen geben als Atome im Universum. Keine einzige davon ist so wichtig, geil oder trendy, dass man sie unbedingt gesehen, geinstagramt oder bekotzt haben müsste.

Ich bin kein verdammter Synchronübersetzer – und niemand anderes sollte es für euch sein, außer ihr zahlt die unangenehm hohen Stundenraten für die Profis – plus Spesen. Wenn ihr die Landessprache nicht kennt und Besucher seid, dann esst was wir bestellen, geht dahin wo wir sagen, dass es cool ist, und benehmt euch wie zuhause auch. Mutti is watching. Ansonsten reist einfach alleine und haltet die Klappe.

Und bitte, kauft mir einen Drink, oder zwei. Das ist schließlich meine Freizeit und Energie die ich für eure kosmopolitische Bildung aufopfere. Alles andere ist verhandelbar (außer Vegetarier und Essen).

Prost.

PS: Es gibt hier keine Drogen für euch. Nein, einfach nicht. Wirklich nicht. Keine.

PPS: Fast alle diese Erkenntnisse waren übrigens für Amerikaner erfahrungsgemäß einer Erwähnung nicht bedürftig. Für diese muss nur noch mal klargestellt werden, dass die Hautfarbe des Gastgebers und dessen Essgewohnheiten oder Sprachfähigkeiten nicht im Zusammenhang stehen. Besonders ein wiederholtes, lautstarkes, öffentliches Erstaunen über diesen Sachverhalt wäre aus sittlichen Gründen zu unterlassen.

Yokohama Art Triennale

Heute habe ich die Art Triennale in Yokohama besucht. Moderne Kunst in drei Locations. Lange Anreise. 


Alle drei Jahre findet sie statt, diese Triennale. Yokohama bildet mit Tokyo die größte Stadt der Welt. Aber ich bin nie dort, trotz Hafen. Heute war ich da. Es war voll. 


Der Eingang der Hauptschau im Yokohama Art Museum war von Ai WeiWei dominiert. Er hängte Schlauchboote an die Außenwand und Schwimmwesten an die Säulen, um auf diese zu einfache Art auf ein weltweit bekanntes Problem auf banale Weise noch einmal aufmerksam zu machen. 

Es ist ein tragisches Thema. Aber ich fand seine Installation für eine Schau in Japan total unpassend und unkreativ. Warum spricht er nicht über Themen, die Japan oder die Gegen oder China bewegen? Immerhin ist Japan der liberale Gegenspieler zu China, was er sonst so gerne medial wirksam kritisiert. Ist er schon so zu einem europäischen Kunstprodukt verkommen, dass ihm interessante Ideen oder wichtige Themen abhanden gekommen sind. Das stelle ich fest. 

Innen zeigt er noch seine alt bekannten Krebse mit der Synonym Andeutung und vielen Leuten, die davon wie vorgeplant Instagramausnahmen machen (ich von den Leuten dann). Vielleicht sind sie die die Kunst. Naiv. Namensgläubig. Instrumentalisiert. Nein. Es war flach ohne solche Interaktionselemente oder Reflextion. 

Das zweite Übel war, dass einen die Ausstellung zwang sein Smartphone zu benutzen. Pech wer keins hat. App musste installiert werden für Audio Guide. Tracking (auch Indoor über Bluetooth) musste angeschaltet sein, damit man automatisch informiert wird wenn man vor einem Audio Guide Kunstwerk steht. Funkionierte natürlich so 30% der Fälle. Anstrengend, denn: Nummern an den Kunstwerken gab es keine. Herkunftsländer und Texterklärungen auch nur im Heft oder in der  Zwangs-App. Scheiße! 

Meine Batterie zuckelte der Entladung mit jedem Raum durch volle Sensorenaktivierung näher. Bescheuert. Und ich musste mich mit den uninformierten Museumswächtetn streiten, weil ich mich weigerte deren 100¥ unmoralische, unökologische Wegwerf-Kopfhörer zu kaufen, um diskret ihrem behämmerten Audioguide auf meinem (!) Telefon zu folgen. Unverschämte Übergriffigkeit. Lautpsrecher an und alle sind gezwungen mit zu hören. Harmonie können nur chinesische Flusskrebse aus Porzelan. 

Diese App stürzt dann auch noch dauernd ab. Ich richtig schlecht gelaunt. Die geile hype Aktion der coolen new-media Kids war gescheitert. Und es war tragischerweise keine Kunstaktion, sondern nur ein inkompetenter Marketing Gag. Nix war mit Intellektueller Entspannung für mich. 


Weiter zur Kunst. Indonesien und Südostasien sind weiterhin auch hier in. Gut war zB der Teppich mit bunten Design einer Mikroskopanalyse eines Haares von der Couch von Sigmund Freud (ich hoffe Ikea bringt den bald raus). Oder der durch Spiegeltricks endlose U-Bahntunnel an der Wand. Auch witzig eines der endlosen Verbot- und Warnschilder. Man könnte meinen dieses Museum ist ein Hochleistungsreaktor auf Testbetrieb. 

Leider war auch vieles dabei, dass mir nicht gefallen hat. Kitschige, bunte Bären mit Federkleid oder Animefiguren oder abstrakte Bilder im Stil der 80er. Alles lahm und überholt. Keine Bilder, weil Believe me, the worst. 

Also weiter zum Red Brick House, einem Kunstmuseum direkt neben einem identischen Einkaufszentrum in roten Backsteingebäuden der Industrialisierung. Bus war kostenlos. Einkaufszentrum brechend voll, Museeum leer. 

Hier gefiel es mir viel besser. Die Ausstellung war weitaus kleiner, aber die Kunstwerke hatte eine tiefere Aussage oder waren einfach nur witziger. Deutschland schickte einen Deutsch-Polen. Der ließ in Warschau Gewichthebergruppen in Spandexanzügen historische Statuen heben und so auf herrlich komische Weise deren historischen Wert bemessen. Mit Sport-Fernseh Kommentaren des Künstlers. Super. Willi Brandt und US Präsidenten lassen sich anscheinend nicht heben. Schwergewichte. Dagegen sind Kommunisten und Fabelwesen easy zu stemmen. Ich habe viel gelacht. 

Auch toll war ein Raum mit offenen Atlanten auf kleine Tischchen, die zusammen die Karte Europas ergaben, nur dass sie bis auf die Punkte, wo Städte sind, komplett geschwärzt waren. Sternenhimmel Europa. Mit Japan hatte das aber nix zu tun. 

Mein absolutes Lieblignswerk war eine Videoinstallation. Ein Isländer hat dort acht perspektiven eines aristokraten Hauses gleichzeitig aufgebommen. In jedem Bild sitz mindestnes ein Musiker und alle spielen gleichzeitig eine Hymne an die Familie auf verschiedensten Instrumenten. Alle hören sich per Kopfhörer. Alles perfekt inszeniert vom Kamerastart bis zum Ausschalten des letzten Bildes. Die Bildeinstellungen ähneln dänischer Landschafts- und Portrait-Malerei mit den Motiven und dem Lichteinfall. Am Ende versammeln sich langsam alle Musiker in einem Video und gehen zusammen singend gegen den Horizont in eine Marschlandschsft hinter dem Haus. Fabelhaft. 


Es entstand eine unglauveluche Atmosphäre zwischen den Zuschauern in dem dunkeln Raum. Die Architektur des Hauses blieb ein Mysterium, aber die Leute spazierten von einem Video ins nächste. Dabei folgten wir Besucher alle gemeinsam von Projektion zu Projektion und rätselten was als nächstes passiert. Toll! 


Die dritte Lokation war an dunkler Keller mit Zweiter Weltkrieg Thema. Nichts neues. Keine neue Methode oder Idee. Leider. 
Alleine für die Videoinstallation und die bunten Bauklötze mit dem Freud Haar Teppich hat es sich gelohnt. Ich habe wieder gemerkt, wie bescheurr überhypt Ai WeiWei (und zur Zeit auch oft Installationskunst) überall auf der Welt sein kann. 

Ich war auch begeistert, dass jetzt fast überall in Museen Aufnahmen erlaubt sind. 

Traut euch Kunst. Und empört euch über fehlerhaften App-Blödsinn. Aloha, my beauties.

PS hier noch schnell ein paar Instagram-Spiegelungen:

 

Von Landschaftsgärten ohne Rente

Da sich meine Groupies beschwert haben, dass ich hier schon lange nicht mehr den Impulserhaltungssatz an meiner Tastatur überprüft habe, schreibe ich heute über das erholende Nichtstun.

Es geht um Parks. Japanische Landschaftsgärten natürlich. Wer jetzt etwa aufmuckend vor sich hin brabbelt, dass so etwas ja nur Rentner und Romantiker-Touristen ans Kassenhäuschen lockt, dem muss ich gleich vor warnen:

Ich habe mein offizielles Ojii-san (Alter Typ, Opi) Zertifikat vor einer Woche vom Stadtteilrathaus abgeholt und darf mich jetzt ungehindert der ewig gestrigen „Alles war besser“ Methode hingeben, dabei gemahlenen Tee trinken und eben mit den anderen alten Opis in Landschaftsgärten den Foto-Chip meines iPhones zur Siedetemperatur treiben.

Kleiner Scherz.

Ich war in drei Parks hier in Tokyo, die alle von der Stadt verwaltet werden. Sie kosten alle Eintritt – ja liebe romantisierenden Sozialisten, Japan ist eine liberale… ich wiederhole… l-i-b-e-r-a-l-e Marktwirtschaft mit einem Einzelperson-Steuersatz von 22%. Da kosten dann Landschaftsgärten zwischen 2,80 Euro bis 1,20 Euro. Dafür sind alle Hecken perfekt gestutzt, jede MIkro-Jahreszeit ändert die Perspektive, die Klos sind nicht der Darkroom Ersatz für abgelehnte Berghaintouristen und es gibt sogar echte Tiere. Also Bio und so.

Der Erste Park ist der Rikugien Garten. Er liegt im Nord Osten der Stadt und ist um einen See herum angelegt. Über den kleinen Hügel kann man den ganzen Park bei einer leichten Brise gut erfassen.

Gemahlenen grünen Tee (Matcha) a la Teezeremonie kann man für 4,80Euro mit einer kleinen Süßigkeit aus Azuki-Bohnen am Rand des Sees zu sich nehmen. Perfekt, um den anderen Rentnergruppen dabei zu zuhören, dass jetzt Krankenversicherungen für Katzen der neuste Schrei bei über 65jährigen sind.

Hier die Fotos:

Der zweite Park ist der berühmte Hama-rikyu Garten aus der Top 8 Liste deines Grabbeltisch Lonely Planet Reiseführer. Er wurde von einer der Fürsten der Tokugawa Familie gebaut und liegt mit Wassergraben umgeben direkt an der Tokyoter Bucht. Von hier aus kann man die Fähre zu all den anderen wichtigen Sights auf der Geheimtip Besten Liste deines Prenzlauer-Berg Uppermiddleclass-Normaden Reiseblog von Angelika nehmen und so richtig Japan erleben.

Das taten auch alle Touristen in dem Park. So richtig Japaner sein, ähm spielen. Selfisticks sind zwar langsam nur noch bei den ganz billigen Pauschaltouristen anzufinden, aber anmutig und folkloristisch in der Tracht der lokalen Bevölkerung durch die Gassen zu stolzieren ist auch bei den höher preisigen Design-Hostel Touristen mit dem Komplettoutfit nicht passender Signalfarben der aktuellen Wolfskin Sommerkollektion in Hit.

Er im grauen, musterlosen billig Kimono (im Sommer! IM SOMMER!!!!, Ok, es gibt natürlich auch Sommer Kimonos) mit knall gelbem Obi-Gürtel, denn wer keinen Geschmack hat, hat Signalfarbe. Und sie im zart Blütenfarben-Pastell-Kimono (im Sommer! IM SOMMER!!!!) mit nur einem Hauch von Muster, keiner echten Seide und einem farblich verblassend langweiligen Obi-Gürtel und drei Tonnen Spiegelreflexobjektiv. Und Selfistick.

Wenn Karl Lagerfeld nicht noch durch Ananasstücken und Arte-Reportagen am Leben gehalten würde, hätte er spätestens jetzt die Lambskin-Leather Zombi Apokalypse eingeläutet. Für alle die es noch nicht bei Siri nachgefragt haben: Im Sommer (Meistens zum Feuerwerk oder zu Festen) trägt man Yukata aus Baumwolle mit Print. Der Obi des Mannes muss schlicht sein und der Kimono plus Obi der Frau muss total dekadent sein. So als Kurzfassung. Main Point: Teure Stoffe.

Aber wenigstens hatten sie Spass in ihrer Folklore. So richtig echt. Total authentisch. Ich glaube die drei Tonnen Plastik des Disney Schlosses in Florida sind nicht echter. Und mit Neoklassizismus habe ich eine Familiengeschichte.

Matcha gab es auch dort. Der Park ist nicht zu empfehlen, weil die anderen so viel besser und einfacher zu erreichen sind. Hier die Fotos:

Der dritte und vorerst letzte Park ist der Koishikawa Korakuen Garten. Er liegt im Osten der Stadt in einem Kaffee Zentrum mit vielen Kanälen und einem Moderne Kunst Museum.

Dieser Park gefiel mir am Besten. Denn er war kleiner, hatte natürlich keine Touristen, war landschaftlich am aufwändigsten gestaltet mit kleinen Objekten und hatte vor allem Tiere. Koi-Kapfen, Schildkröten, und kleine Kraniche. Total süß und hübsch.

Der Park ist auch um einen See herum angelegt. Und der Besucher wird über die Route auf großen Steinen im Wasser zum Abenteuer Jump and Run aufgefordert. Auch gab es hier die meisten schattigen Bänke zum beobachten der Tiere, die alle Beteiligten herrlich amüsierten. Ich glaube ich bin bereit für die Rente.

Dieser Park hat kein Teehaus, leider. Dafür gibt es um die Ecke zwei sehr gute Kaffeeröstereien: Blue Bottle und Allpress mit weiterhin Trendfaktor.

Hier die Fotos:

IMG_2990 Klickt auf die länglichen Panorama Fotos, um sie in voller Größe zu laden und besser den Panorama Eindruck zu bekommen.

Hoffentlich haben diese ganzen fantastischen Hochkultur Fotodateien euer Lidl-Mobil Datenvolumen vor Monatsende nicht absaufen lassen und ihr müsst jetzt auf die HD Hastag-No-Filter Selfies bei Tinder verzichten. Ist eh romantischer ohne Foto.

Bildung bildet. Mata, ne.

 

Angepasstes Gründer-Marketing der TUM

Meine alte Universität, die sich immer gerne selber Alma Mater nennt, verfolgt mich auch bis nach Japan noch stoisch weiter. Denn sie will Geld. Sie denken, dass sie das neue Stanford seien können. Wenn ihr diesen Seiten lange gelesen habt, wisst ihr, dass es keine Rosamunde Pilcher Love-Story zwischen mir und meiner Uni war.

Heute habe ich gerade mal wieder deren Magazin für Alumni in einem aufwändig gestalteten Hochglanzformat „KontaktTUM“ erhalten. Und es ist natürlich furchtbar. Einmal durchgeblättert sieht man schon wie innovative Zukunft auszusehen hat. In genau zwei Klassifikationen: Ältliche graue Herren mit Anzug und Krawatte, leicht dicklich mit furchtbaren 80er Bärten. Und Nummer Zwei: junge, dynamische, weiße, Männer ohne Bärte im Sacko oder Anzug oder blauem Hemd und Kakihose, anfang/mitte Dreißig.

Es gibt kaum Frauen auf den Fotos, oder Leute die irgendwie anders aussehen durch ihre Hautfarbe, Klamotten-Stile oder Anmutung als diese beiden Typen oben. Die TUM hat nicht nur 5% Frauen und auch nicht nur 0% ausländische Studenten, geschweige denn andere Gruppen. Wieso werden diese hier überhaupt nicht gezeigt? In Kalifornien wäre das -zumindest in den Broschüren- unmöglich.

Sie scheinen nicht in das Bild der männlichen jung-dynamischen aber FDP-Parteilinie treuen TUM zu gehören. Und dieses ist eine staatlich finanzierte Universität, für deren Existenz zum größten Anteil alle Menschen mit ihren Steuern zahlen. Dem Finanzamt hingegen, wie ihr wisst, ist euer Klamotten-Stil, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung usw. natürlich scheiß egal. Für alle gilt: Höchststeuersatz, Kinders.

Alle Jung-Dynamiker derweilen, so scheint es, gründen aus. Denn die TUM scheint nichts anderes produzieren zu wollen als Ausgründungen. Keine sozialen, wissenschaftlichen oder persönlichen Entwicklungen ihrer finanzierenden Gesellschaft, der sie finanzierenden Individuen oder der sie rechtfertigenden Wissenschaft scheinen wichtig genug zu sein, wenn man ausgründen kann.

Foto KontaktTUM
Foto KontaktTUM

Und auf dem Foto seht ihr es (wenn auch schlecht umgesetzt). Seit (ich nehme es an, denn es ist nicht richtig wissenschaftlich angegeben, ups) 1990 scheinen diese ganzen 800 Ausgründungen nur 16.623 Arbeitsplätze geschaffen zu haben (Schlecker hatte mal mehr als doppelt so viele Angestellte). Taschenrechner: 20 Leute Pro Firma, über 27 Jahre Zeitspanne.

Und so eine Ausgründung basiert auf Fördergeldern vom Staat. Staatliche Forschungsfördergelder für die Projekte in denen die Erfindungen (Patente) entstehen, besondere Fördergelder für die Produktreifung des Patents in der Hochschule und Ausgründungsförderungen bei Gründung und weit danach. Davon kann man ja mal 20 Leute eine Weile halten. Über Gewinne, Börsengänge, Schließungen, Aufkäufe, Arbeitsbedingungen oder das durchschnittliche Gehalt der Angestellten wird hier nicht gesprochen. Auch die Art der Firmen werden nicht erwähnt (kleine Consultings, Architekturbüros, Sportstudios, Einzelhandelsläden, Selbstständige mit Sekretärin usw. sind nach manchen Studienrichtungen sehr weit verbreitet).

Aus meiner Sicht ist natürlich eine staatliche Förderung solcher forschungs-intensiven Projekte sinnvoll. Sie fördert die Wirtschaft, schafft Arbeitsplätze, erzeugt passende Fachkräfte und Know-How, hält das Land wettbewerbsfähig und bringt Studenten und Doktoranden schnell an Herausforderungen des Markts oder eines Unternehmens. Ich habe selber ja schließlich für Fraunhofer gearbeitet, deren Hauptaufgabe diese Art der Innovations-Subvention ist. Es scheint nur hier sehr dubios von der TUM als ein alternativloses Hurra-Marketing verdreht zu werden. „Ausgründung oder Scheiße“.

Das Ziel der Alumni Kampagnen der TUM ist, wie sie es selber auch darstellt, Spendengelder einzusammeln. Ein leerer Überweisungsträger ist schließlich auch das einzige, was die TUM einem neben dem Zeugnis nach der Graduation überreicht. Sie zeigt aber nur wie junge, weiße, Ralf Lauren Model Männer mit manchmal etwas nebulösen Ideen Geld machen können.

Wo ist denn da die Story? Für wen sollte ich denn da Geld spenden? Warum braucht die TUM dann überhaupt noch Geld? Was macht die breite Mittelschicht nach der Ausbildung? Wo sind die coolen, innovativen Festanstellungen? Wie aufsteigen trotz unterbezahlter, befristeter Leiharbeit oder Praktikanten-Startup Jobs? Und wo sollte meine lesbische Tochter mit Migrationshintergrund (fiktiv) Maschinelles Lernen studieren?

So und jetzt zurück zur Bay Area (Silicon Valley): An der UC Berkeley demonstrieren zur Zeit sehr laut viele Menschen gegen Hass und für Inklusion und Toleranz. Auch in Berkeley entstand das Free Speech Movement, In San Francisco war lange der Kern der sexuellen Minderheiten aktiv und Oakland war die Keimzelle für Proteste von Schwarzen. Asiaten schmeißen heute viele wichtige Forschungslabors in Stanford und eine heiße Feminismusdebatte und Anti-Klüngel-Diskussion ist im Gange in San Jose. In München zur selben Zeit: O’zapft is.

Wenn Sie Innovation wollen brauchen Sie auch die Kontroverse. Und Sie brauchen die Vielfalt. Peace out.

Japanische Nachbarn

Fuji from the train
Fuji from the train
If you just wanted something simple for dinner
If you just wanted something simple for dinner

Es ist Samstag und ich sitze nach einer ausschweifenden Pop-Party leicht verkatert vor meinem grünen Tee. Da klingelt es an meiner Tür. Meine neuen Nachbarn sind an der Gegensprechanlage.

„Guten Tag, wir sind ihre neuen Nachbsrn und würden uns gerne vorstellen“. Ich etwas verdusselt also schnell die Hasre gerichtet und etwas misstrauisch vor Versicherungsvertretern oder den TV Gehühren-Eintreibern die Tür geöffnet. Vor mir ein jetzt verdutzt den großen Ausländer an schauendes junges Pärcheb in schicken sportlichen Streetwesr Outfits.

„Guten Tag, wir sind gerade eingezogen.“ Ich natürlich auf Japanisch geantwortet um ihre Panik vor Sprachbarrieren. gleich zu unterbinden. Ich bin Deutscher. Ja ich arbeite in Tsukuba für eine Roboter Firma.

Sie seien noch nicht verheiratet. Deshalb haben sie zwei Namen am Klingelschild. Ich fand das irgendwie süß. In deutschen Geoßstädten wäre das wohl kein Thema gewesen.

Und sie haben mir auch etwas mitgebracht. Es wäre ja wirklich nur etwas kleines. (Eine normal Redensart bei Mitbringseln) und so überreichten Sie mir noch eine hübsche Tüte mit perfekt designt verpackten Keksen.

Meinen Namen werden sie sich wohl nicht merken können. Hoffentlich bin ich nicht zu laut, wild oder schmutzig. Die ein oder andere Session Spotify Teen Party Playlist gönne ich mir nämlich gerne mal laut.

Ja es ist schon anstrengend Ausländer zu sein. Ich muss mich immer bestens benehmen, sonst denken die Leute noch Deutshclsnd wäre so ein Bierverseuxhter Affenstsll mit Wurstsucht und ohne Zivilisation.

Aber Japaner sind da sehr angenehme für Auswanderer . Sie vergeben einem viel, beschweren sich selten, sind nur manchmal unterschwellig roff rassistiscj und einfach so herrlich nett, interessiert und oft sogar informiert. Wie liberale demokratische Gesellschaften halt so sind. Und SPrachkenntnisse sind einfach immer der Türöffner.

Also unterrichtet mehr Deutsch. Und bringt euren Nachbarn mehr Kekse. Peace out.