Realität mit Löffeln entzerren

Ich sitze Grad bei Bruno. Das ist kein Eisbär oder mein neuer schwuler Freund. Es ist ein Hipster Café. In einem Einkaufszentrum. Ich bin wieder im Biotop und bin also gut angekommen. 

Nur es sind hier viel mehr (ausschließlich) Hipsterinnen um mich herum. Denn das Café ist eigentlich eine Self Service Bäckerei und Männer „mögen“ in Japan keine süßen Törtchen und Pan au Chocolates. 

Wie unmännlich von mir. Den Espresso gibt es auch nur in der riesigen Nerd-Americano-Kaffeetasse und als ich nach einem Teller und Löffel fragte, wurde ich freundlich darauf hingewiesen, dass man hier vom Tablett essen solle. Und sie überreicht mir lächelnd einen Mikro-Plasitklöffel, den man höchstens beim Italienischen Gelato antrifft. It’s not the spoon that bends. It is your mind that bends around it. 

Lautes Lachen. Dafür liebe ich sie einfach. Weg mit all den überflüssigen Konventionen und neu mischen. Spiel, Satz , Sieg. 

Meine Wohnung veröffentliche ich hier jetzt nicht. Ich kann euch aber  verraten, dass es sich um ein minimalistisches, kleines Edelstück mit Bodentiefer Fensterfront, Fußbodenheizung und einer ordentlichen Überdosis staatlicher Subventionen handelt. Perfekt also. 

Ich bin auch schon registriert als Ausländer, habe ein Bankkonto, das Englisch kann, und ein Mobilfunkanbieter, der einen nicht in die normale japanische Gebührensklaverei treibt.  Prepaid mit Internet oder billige All Net Flats gibt es praktisch nicht. Marktliberalisierung ist fortschreitend im Gange. Denn all das ist neu und erstaunlich unkompliziert im Vergleich zu früher und auch Europa. 

Mir wurde von mehreren Stellen geraten ab jetzt einen endlosen Fotostrudel über Instagram oder Facebook unkommentiert auf die Welt niederprasseln zu lassen. Ich habe euch hiermit gewarnt. Ihr dürft mich gerne ab-abonnieren. 

Des Weiteren ist mein Trinkwasser nicht Strahlenverseucht und niemand läuft im ABC-Abwehranzug die Straße hinauf. Zivilisation kann eben Wiederstandsfähigkeit. Das nur für die ewig maulenden ungläubigen risikoaversen Europäer vor den Bildschirmen da draußen. 

Mein erster Eindruck: die Japaner sind moderner geworden. Etwas wie ein Jugendlicher der erwachsen zurück kommt. Irgendwie wie ich selbst hier. 

Sie perfektionieren zwar auch weiterhin dieses Traumbild der 50er Jahre kunstvoll, leben aber trotzdem schwer in der globalen Gegenwart. Naja klar, demokratisches Industrieland halt. 

Auch und wenn wir schon bei Zerrbildern sind. Solltet ihr auf euren intellektuellen Eskapaden mal einen furchtbar schlecht recherchierten Artikel über ein völlig über romantisiertes Japan lesen – also eigentlich jeder Artikel über Japan in einer Deutschen Zeitung – , dann schickt ihn mir und ich werde ihn wiederlegen. Denn weder habe die Jugendlichen aufgehört Sex zu haben, noch verkaufen Automaten gebrauchte Unterwäsche. 

So, jetzt noch ein paar obligatorische Fotos von Essen und dem Eingang zu einer neuen Art der Zwangsprostitution. Kleintier Cafes. Inhalt ist hoffentlich klar. Gibt’s übrigens auch in München.  

Wer erfindet mir die Anti-Jet-Lag-Pille. Dingdong.