Visiting Tokyo: das Wutbürger Regelbuch

Die besten Reisezeiten für Japan sind entweder im April zur Kirschblüte oder zum Herbstlaub im Obotber. So hatte ich dieses Jahr schon zwei mal Besucherschwemme. Dabei fallen mir immer wieder ein paar Dinge auf. Dinge über Europäer, die einem nur auffallen, wenn man nicht in Europa ist, wenn sie selber nicht in Europa sind. Dinge über Freunde, Bekannte, Unbekannte und neue Freunde.

Ich lebe jetzt hier fast zwei Jahre. Ich habe mich wieder volkommen an Tempura, Grüntee-Eis, Halloween-Fake-Jahreszeit, Clubs ohne Türsteher oder die Tokyo Metro Dämmerschlaf gewöhnt. Was also machen die Besucher anders? Ein kleiner Wutanfall zum Nachlesen.

Erstmal, und als aller wichtigstes, haben die Leute hier keine nur esotherisch nachgewiesenen Ess-Intoleranzen (Ja, ich meine dich ganz Berlin Mitte) und niemand spricht darüber was man nicht essen kann, sondern höchsten was man nicht essen möchte, aber eher was man unbedingt essen muss.

Laktoseintoleranz ist Nationalfähigkeit und die Milchprodukte sind dementsprechend immer bearbeitet, aber jedes Schulkind trinkt jeden Tag ein Glas Milch und die Käseindustrie wird trotz EU Freihandelsabkommen am langsamsten von allen Industrien dem Butterberg geöffnet.

Glutenintoleranz ist nur für harte Fälle ein Thema. Weizenmehl ist nur in den von schicken Hausfrauen vergötterten Klein-Backwaren nach Pariser Art, anteilig in Soba und Udon oder Panade von Tonkatsu und Tempura. Reis enthält kein Weizenmehl, kann aber Spuren von schmeckt-gut enthalten.

Glutamat…. Liebe Idioten des verschlafenen Chemie Grundkurses in der Mittelstufe: Glutamat, also der Geschmacksverstärker Umami der sogenannten Dunklen Seite der Macht, ist essenzieller Bestandteil unseres Geschmackswahrnehmungssystems. Er entsteht beim Braten, Einkochen, Dünsten oder sonst wie erhitzen von jedem Fleisch, Seegras, Pilzen anderem Gemüse und Fisch. Ja auch mit Biogemüse in deiner überzogen teuren Teflondesignerpfanne mit Space Tech. Und ja man kann es als Pulver kaufen. Es schmeckt super und Japaner essen es jeden Tag besonders gerne mit dem Namen Dashi. Und sie leben einfach länger als du oder die Ruhrpot Currywurst Fanboys und Hanseaten Döner Connoisseure. Case in point.

Weiter geht es mit den Vegetariern. Hier dazu eine kleiner empörender Artikel der Schweizer, um den Bluthochdruck aufrecht zu erhalten. Vegetarier und Veganer sind in Japan fast nur buddhistische Mönche. Historisch gesehen gab es mal eine Zeit, in der Fleischessen verboten war. Deshalb ist es jetzt ein art Bürgerrecht. So ist in fast allem Fleisch oder zumindest Fisch-Fond. Vergesst es einfach. Es ist da, auch wenn ihr es nicht seht, riecht oder schmeckt. Es gibt ein paar trendige Veganer Restaurants in Yuppie-Gegenden Tokyos, die bedienen aber eher die Trendsucht einiger gelangweilter Hausfrauen als die Touristenfluten und fallen in die Kategorie „Exotisches ausländisches Essen aus LA, was ich mal in einem Hollywood Film gesehen habe“ für Japaner. Niemand rennt dafür durch die halbe Stadt. Niemand!

Alles weitere Verweigern von Nahrung, dass mir so einige meiner Gäste unverschämterweise angetan haben ist schlicht weg eine Psychose. Reis, Soba, Grüner Tee, roher Fisch, koreanisches BBQ, Sake, kleine ganze Fische oder Muscheln in Schneckenform sind alle samt medizinisch gesund, für einen Großteil der Weltbevölkerung Grundnahrungsmittel, haben in Japan generell eine sehr hohe Verarbeitungsqualität und sind auf jeden Fall zu probieren bevor geurteilt wird. Get over it or get help!

Weiter: Die Tokyo Metro ist schnell. Tokyo ist einfach fucking large. Es dauert mindestens 30-60 Minuten von einen „Zentrumsstadtteil“ zum nächsten zu wechseln. Es gibt nicht ein Zentrum wie dieser Kreisstadt Einkaufsstraße mit H&M und Rossmann. Planung, Glaube an das Wissen der Locals (mich, euren Overlord) hilft, und Google Maps.

Mobiles Internet ist Pflicht! Daten SIM Karten gibt es für 20-40 Euro schon am Flughafen und müssen ohne Wiederspruch verwendet werden. Keine eurer Messanger Apps löscht eure Nummer, eure Kontakte oder eure Selbst bei tauschen der SIM. Alles andere ist für den Rest der Menschheit mit der zivilisatorischen Technik eines Smartphones zur Verfügung einfach eine überbürdende Zumutung. Niemand hat mehr Bock auf Anrufe von öffentlichen Telefonzellen aus zu warten oder verschollene Freundinnen aus dem Metro System zu extrahieren. Eure Internet- oder wahlweise Instagramsucht könnt ihr zuhause in der Klinik, mit eurem Vodafone-Verkäufer oder auf dieser einsamen Insel bei Indonesien kurieren – nicht in Tokyo, nicht mit mir und nicht wenn ihr andere Leute treffen wollt.

Kauft euch eine IC Metro Chipkarte für den Nahverkehr (Pasmo oder Suica). Es ist keine Nobelpreisträchtige Leistung für die Menschheit jeden mit dem Suchen nach kryptischen Einzeltickets in einer unbekannten Stadt mit unbekannter Sprache und unlesbarem Schriftsystem „for this authenic asian experience“ aufzuhalten. Charge, Touch, Biep and go, like a Harajuku-Girl.

Tracking-Backpacks plus Funktionsklamotten sind für Länder ohne Schnellzugsysteme, Onlinebuchungsseiten, Gehwege, Fahrstühle, Rolltreppen, Taxistände, kontrolliertem Faunabewuchs, ausgerotteten Fressfeinden und Zivilisation. Also nicht Japan. Bringt einfach einen Rollkoffer und eure Hermes Handtasche, denn die Deuter-Rucksack Weltentdeckernummer glaubt euch spätestens seit GPS und Uniqlo Life-Wear eh niemand mehr.

In Clubs (zumindest die Geilen) gibt es keinen Dresscode. Sowas ist für Spießer oder bescheuert exklusive Londoner Richkids. Nadelstreifennzug, Batik-Shirt oder Lederharness geht klar. Ja Berliner, es gibt Vielfalt auch nicht in Schwarz und Dominatrix.

Gutes Brunch ist rar. Vertraue dem Overlord (mir). Und ja: ansonsten gibt es immer Reis. Schockierend.

In Japan isst man manchmal Sushi, nicht immer, nicht nur zu Vollmond, nicht immer von Nackten, nicht immer als billiges Drehsushi. Halt nicht immer, aber sie tun es immer gerne. Es ist Pflicht mindestens ein Thunfischsushi vor Abreise zu essen. Das müsst ihr bei der Einreise eidesstattlich erklären und es wird bei der Ausreise akribisch kontrolliert. Vergehen wird mit Zwangspause im Hallo Kitty Land bestraft – dafür ist die Falltür am Schalter.

Klamotten sind geil, kaufen ist aber eigentlich für fast jeden, der nicht eine schlanke Japanerin ist, unmöglich. iPhones sind derbe viel billiger als in der EU. Android Telefone gibt es nur mit Bondage-Ewigkeitsvertrag. Sind eh scheiße.

Die meisten geilen Läden (die für euch benutzbar oder zugänglich wären) kennen die Locals (ich, der derbe geile Typ, in diesem Fall). Ihr werdet nicht zum mega sexy Superheld mit Follower High-Score Bonus, wenn ihr Wissen aus dem Lonely Planet (Besitz ist kätzerisches Höchstvergehen an der Coolheit), irgendeinem anderen Reiseführer (Monocle und DK sind mitbringbar), aus einer Google Blog Suche (Kreativitätsschubumkehr), von TimeOut Tokyo, aus Foursquare (no one uses this shit), von Listen deiner Freunde, die auch nur Touristen waren und das oben Geschriebene auch nur schon gemacht haben, abzitiert. Un-Cool. Trust the Force. Get the Flow and Tabelog.

Tokyo ist eine Megastadt – die Mega Stadt des Planeten. Es gibt Millionen Shops, Kneipen, Bars, Restaurants und Klohäuschen, die jeden Tag entstehen oder vergehen. Konfuzius war schon davon überzeugt, es müssen in Tokyo mehr Kneipen geben als Atome im Universum. Keine einzige davon ist so wichtig, geil oder trendy, dass man sie unbedingt gesehen, geinstagramt oder bekotzt haben müsste.

Ich bin kein verdammter Synchronübersetzer – und niemand anderes sollte es für euch sein, außer ihr zahlt die unangenehm hohen Stundenraten für die Profis – plus Spesen. Wenn ihr die Landessprache nicht kennt und Besucher seid, dann esst was wir bestellen, geht dahin wo wir sagen, dass es cool ist, und benehmt euch wie zuhause auch. Mutti is watching. Ansonsten reist einfach alleine und haltet die Klappe.

Und bitte, kauft mir einen Drink, oder zwei. Das ist schließlich meine Freizeit und Energie die ich für eure kosmopolitische Bildung aufopfere. Alles andere ist verhandelbar (außer Vegetarier und Essen).

Prost.

PS: Es gibt hier keine Drogen für euch. Nein, einfach nicht. Wirklich nicht. Keine.

PPS: Fast alle diese Erkenntnisse waren übrigens für Amerikaner erfahrungsgemäß einer Erwähnung nicht bedürftig. Für diese muss nur noch mal klargestellt werden, dass die Hautfarbe des Gastgebers und dessen Essgewohnheiten oder Sprachfähigkeiten nicht im Zusammenhang stehen. Besonders ein wiederholtes, lautstarkes, öffentliches Erstaunen über diesen Sachverhalt wäre aus sittlichen Gründen zu unterlassen.

Ein Kurztrip nach Singapur

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Vor einigen Wochen habe ich einen Kurztrip nach Singapur gemacht. Leider war das Wetter etwas durchmischt. Temperaturen wie im japanischen Sommer auch im Oktober sehr feucht und heiß.

Die Stadt ist sauber und modern, aber bietet leider außer glitzernde Einkaufszentren und singapurisch-chinesische Fusionküche nicht so viel Erstaubliches. Alles ist importiert. Ich habe viele Australier auf der Durchreise oder Expats von Handelsfirmen getroffen. Es gibt keine großartigen Museen oder historischen Gebäude. Die Architektur ist modern, aber nicht avantgardistisch, sondern nur teuer.IMG_3659IMG_3661Die Gesellschaft versucht sich als mittelständisch und egalitär darzustellen, es wird aber selbst bei einem Kurzbesuch klar, wie weit die Kluft zwischen Wanderarbeitern aus Indien oder Bangladesch, die in Pickup-Trucks in Kleingruppen auf den Strassen zu Baustellen transportiert werden, und den chinesischstämmigen Büroarbeitern in japanischen Designer-Hemden auseinanderdriftet.

Die Geschichte als Kolonie bleibt überall wie ein Echo kleben. Starke, oft nach Ethnie, Religion oder Herkunft gepräkte Gruppenhierarchien durchdringen den Glanz der modernen Architektur und der teuren europäischen und japanischen Marken. Die Angst in die Instabilität der Nachbarregionen durch Relgions- oder Kulturnenkonflikte zu verfallen durchzieht die Atemluft scheinbar. Die starren Regeln wirken großväterlich

Diese Dissonanz und der Fassadenschwindel, der jedem schnell klar wird, schaffen eine eher erdrückende Athmosphäre. Es ist etwas wie Fahrstuhlmusik. Erst ganz nett, dann geht es einem hypnotisch auf die Denkorgane und schließlich muss man gedrängt wie ein Fluchttier das Gerät verlassen.IMG_3663

Auf den folgenden Fotos habe ich den Blick von dem größten Hochhaus aus der überteuerten, dunkel-kitschigen Abschleppbar auf dem Dach aufgenommen. Leider etwas bewölkt. Das Publikum der Bar würde ich eher in einer Ikea-schicken Bahnhofskneipe in Frankfurt erwarten. Das Hotel mit Dach-Außenpool schien sehr spießig neureich und nicht klassisch oder modernistisch elegant zu sein.

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Diese Statue wurde einzige für touristische Zwecke von der Tourismusbehörde in den 60ern errichtet. Sie hat keine besondere historische oder künstlerische Bedeutung. Alle machen aber Selfies mit Statue und Hochhaus frei nach dem Reiseführer-Checklisten-Diktat. I-was-there als von anderen inszensierte Markenbildung.

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Bei den jungen Leuten in den Starbucks Cafes oder den britischen Gastro-Pub Ketten hatte ich das Gefühl, als wären sie lieber in San Francisco, New York, London oder Berlin. Stattdessen tun sie einfach so als wären sie.

Homosexualität ist dort gesetzlich mit Peitschenhieben zu bestrafen, wird aber angeblich nicht angewendet zur Zeit. Cheers.

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Um dann mal wieder aufatmen zu können, hier ein paar herbstliche Bilder aus einem verwilderten Teil von Tokyo. Die liberale Demokratie ist halt einfach herrlicher.

Grüße an die Marzipankartoffeln. 🌈🦄

Foto-Grüße zum Herbst

Auf den obigen Bilder seht ihr mal wieder meinen liebsten Park in Tokyo: Den Park des Nezu Museums in Aoyama. Es ist noch nicht ganz Herbst. Aber der Künstler hat schon die ersten Striche aufs Papier gesetzt. Klickt auf die Bilder für Vollbild.

3331 Arts Chiyoda. Eine alte Schuhle wird zum Gallerien, Eventräumen und Startup Spaces. Was wohl die schlafende Roboterarmee der Peppers im Schilde führt…

Grüße zum Herbst.

Tokyo and it is raining

Eigentlich ist gerade in der beiden Hauptresiezeiten. Herbstlaub. Aber Tokyo bietet nur Regen.

IMG_4539IMG_7912Hier die Regenschirme auf der Shibuya Kreuzng. Ein Wald aus Spitzen Enden genau auf Augenhöhe. Das Grauen in transparentem Plastik.

Frohen Herbst! 🍂

Faulheit als Gegentrend zu den Optimierern und Overworkern

Deutschlandfunk Hörsaal mit einem alademischen Vortrag über den sich weiter andeutenden Trend der Faulheit als Antwort gegen Selbstoptimierung, Überstundenwahn und vieles mehr.

Ich wusste gar nicht, dass es so viele Arten von Faulheit gab. Es kommt auch Altgriechisch vor, für die Bildungsbürger unter euch.

Anhören unten im Player oder hier:

Reise mit Garten

Ich war in China, der Kaiser war leider gerade unpässlich. Aber dafür konnte ich zwei der Weltkulturerbe Gärten von Suzhou entdecken. 

Der eine „Garten des Meisters der Netze“ war klein und leider sehr in schlechtem Zustand, und obwohl es eine der wenigen UNESCO Stätten in ganz China ist. Man durchquert ummauerte kleine Szenen nach Szenen und endet irgendwann wieder beim Anfang. 

Hier die Fotos vom ersten Garten:


Dann war da noch der zweite Garten „Der Garten des demütigen Verwalters“. Dieser ist der größte wohl und auch in einem viel besseren Zustand. Außerdem war er völlig überrant von übermäßig ultratrendigen Oberstufenschülern. Ein Catwalk in London war nix gegen die Kids mit Instagram Sucht wie in Berlin Mitte. Yamamoto und Paul Smith waren quasi auch persönlich vor Ort. 

Genießt lieber die Bilder als mein Gelaber:


Und jetzt noch etwas Essen für das Rundumbildungsprogramm. Wirkliche Inhalte werden hier sonst nicht vermittelt. 

Die Internetzensur war wirklich nervig. Aber nicht wirklich effektiv. Und obwohl ich mit einer ganzen Batterie an VPN Tunneldiensten die Firewall durchbrechen konnte, rissen deren Verbindungen dauernd ab oder wurden dann blockiert. Das Netz war zudem mobil und im Wifi immer lahm wie eine Alpaca-Patroullie. 

Aber zur Entspannung noch ein Foto von Live-Musik im Hotel. Die Videofunktion in dem Blog war mir zu teuer. Also Phantasie bei der Melodie bitte. 


Zugfahren ist total unpraktisch und es wird sich mehr angestellt und mehr geröntgt als in Heathrow. Mega anstrengend. Dafür gibt es ICEs und Shinkansen an einem Gleis und auch einen Transrapid.

Das war die Reise nach Suzhou und ein paar Stunden Shanghai. . 

Bye  👋